Texte und Kritiken

Werner Hartmanns künstlerischer Werdegang und seine Persönlichkeit sind in keiner Hinsicht charakteristisch für einen Maler aus der lnnerschweiz. Nicht auf dem direktesten Weg, sondern allmählich wuchs er in die Malerei hinein, wählte mit sicherem Instinkt schon früh die ihm zusagende Atmosphäre in Frankreich und eignete sich in Paris bei den hervorragendsten Lehrern seiner Generation, vor allem bei Bissière, die denkbar beste Schulung für die reine Malkunst französischer Prägung an. Während für fast alle andern Schweizer Künstler eine Spannung oder ein Verbindungssuchen zwischen dem germanischen Ausdrucksbedürfnis und der romanischen Klarheit besteht, fand Hartmann von Anfang an seine Bestimmung in der Schilderung der durchlichteten, erscheinungshaften Natur und in der Umsetzung eines Eindrucks, einer «Impression» in die Mittel einer von aller Problematik unbeschwerten Malerei, der sogenannten «peinture», mit der Betonung des in einem hohen Sinn «Handwerklichen» dieses Begriffes. Zwei Eigenschaften sind für diese Auffassung der Malkunst von besonderer Bedeutung; Eigenschaften, die für Hartmanns Werke eben deshalb bestimmend sind: Sinn für das spezifisch Malerische, Pittoreske eines Motivs einerseits und andererseits die Möglichkeit, sich während des Malens von allzu naher Motivabhängigkeit zu befreien und Farbklänge und lineare Rhythmen ganz auf das eine Ziel, auf das in sich richtige Bild hinzuverwenden.

In Hartmanns Werk kommen abwechselnd zwei Grundtendenzen zum Ausdruck. Besonders in der Frühzeit, aber auch in den späteren Epochen gibt es immer wieder Bilder, die aus völlig flächigen, tonigen Farben streng aufgebaut erscheinen und in denen sich der Künstler anscheinend immer wieder über die Prinzipien der Bildordnung Rechenschaft gibt. Als «typisch Hartmann» jedoch empfinden wir jene in klaren, heitern Farben wie spontan hingeworfen erscheinenden Landschaften und Gruppenbilder aus dem Süden, aus den Mittelmeergebieten, in denen die lichten, reinen Tönungen einen eigentlichen Bildraum schaffen, obwohl die Zeichnung kaum perspektivisch wirkt, die Linien (wie bei seinem Vorbild Matisse) Arabeskencharakter haben und Gegenstände und farbige Schatten zu einer bewegten Erscheinungsoberfläche zusammenklingen.

Bezeichnend für Hartmann ist seine Leidenschaft zu Reisen; natürlicherweise zieht es den Nordländer vor allem in den Süden, in die Provence, in den französischen Midi, nach Spanien und Italien, wo sich das glasklare Licht im Mittelmeer spiegelt. Aber auch die von satteren Farben bestimmten, manchmal dramatischen Landschaften unserer Gegenden oder aus den Niederlanden hat der Maler mit seinem sensiblen Eingehen auf die natürliche Erscheinungswelt zu gestalten vermocht.

 

siehe auch:

 

Werner Hartmann im Schweizerischen Künstlerlexikon Sikart und auf Wikipedia

Peter F. Althaus im Katalog zur Ausstellung im Kunstmuseum Luzern 1965

«Temperament und Eigenart Werner Hartmanns, wie sie sich in seiner Kunst äussern, ist man als lyrisch zu bezeichnen versucht. Seine Bilder sind nicht eigentlich deskriptiv, beschreibend und schildernd, sie stellen nicht neue Tatsachen der Wirklichkeit fest, vielmehr vermitteln sie Erlebnisse, Erregungen des Gefühls, Stimmungen des Gemütes.»

Text von Prof. Max Huggler

Mit dem künstlerischen Pariser Leben der offiziellen Ausstellungen, des Galerie-Betriebes und mit zahlreichen Malerkollegen in ständiger Verbindung sah Werner Hartmann sich Stilen und Arbeitsweisen gegenüber, die während seiner Schaffensjahre zu Wirkung und Gestaltung kamen. Wohl nahm er Kubismus, Surrealismus, Abstraktion zur Kenntnis und anerkannte loyal, bewunderte gar ihre Erfindungen. Doch blieb das eigene Schaffen davon ungestört, ohne Brüche und Wendungen verfolgte er das einmal gefasste Ziel, das in der Reinheit des malerischen Ausdrucks bestand.

Werner Hartmann steht in der grossen malerischen Überlieferung Frankreichs. Die Pariser Maler, denen er sich am nächsten sah, führen die Bezeichnung «les peintres de la realite poetique». Gewiss waren Temperament und Eigenart des Luzerners erfüllt von Freude und innerem Aufschwung, die sich als lyrisch musikalisch beschreiben lassen. Doch ist es die Einmaligkeit seiner Künstler-Persönlichkeit, dass er die Sonnenhelle des klassischen Landes von Provence und Mittelmeer vereinigte mit der dunkleren Kraft des Nordens – Frankreichs, Hollands und der Schweiz, seiner Heimat. Und schliesslich ist das vielfältig weitgespannte Werk Ausdruck einer tiefen menschlichen Empfindung, Träger von Sympathie und Liebe zum Menschen und seinem irdischen Dasein.

 

Text von Prof. Max Huggler

Für die Arbeit vor der Natur bediente der Maler sich eines leicht transportierbaren, verhältnismässig kleinen Formates, und seit dem Jahr 1936 hatte er sich dafür an einen Maikarton von 33 auf 41 cm, nach den französischen Massen 6 Figure gewöhnt. Wenn sein Auge ein Motiv wahrnahm, das die Schaffenslust wachrief, griff er zum Pinsel und brachte ohne weitere Anstalten, frisch und spontan, das Bildwerk hervor; wie es dabei keiner Vorzeichnung bedurfte, so geschahen auch keine nachträglichen Zusätze oder Veränderungen. Die eine oder andere dieser Arbeiten hat wohl gelegentlich als Entwurf zu einem grösseren Gemälde auf Leinwand gedient, doch sind sie alle, jedes für sich, als fertige Werke zu betrachten, die volle Geltung und eigenen Wert besitzen. An der beschränkten Auswahl erweist sich einmal der Umfang des Schaffens von Werner Hartmann, dem er sich mit unermüdlicher Arbeit in wechselnden Aufenthalten und häufigen Reisen in verschiedenen Gegenden Frankreichs, der Schweiz, Hollands ergab, wobei eine Vorliebe für das Wasser von Meer, Seen, Kanälen mit Häfen und Booten, auch für die Dächer der Grossstadt zu bemerken ist.

In ungewöhnlicher Weise erfährt der aufmerksame Betrachter vor diesen Ölgemälden die Unmittelbarkeit, mit der ein Künstler das Gegenüber der Natur ergreift, es sich zu eigen macht und zum Bilde zwingt Da stehen im Wechsel Fern- und Nahsicht, Weit- und Tiefblick, Perspektive und geschlossene Fläche, ganzes Bildfeld oder kühner Ausschnitt. Ort und Tageszeit gemäss sind Farbgebung und Bildton verschieden – seien es die tiefklingenden Blau von Wasser, Himmel und Knabengewand, seien es die Grün der Gewächse und Wiesen, sei es das Abendgold des kostbaren Blicks zur weissen Kuppel des Observatoriums in Paris. Vorwiegend Landschaften, vielfach von winzig kleinen Figürchen belebt, und eine kleinere Zahl von Stillleben, fehlen doch nicht die menschliche Gestalt und gar die vielfigurige Komposition, wie im bevölkerten Strand oder der staunenswert kreisenden Zirkusarena.

Die Umwandlung der gegenständlichen Formen, die Vereinfachung, Zusammenfassung und Kürzung zu Hieben und Flecken, kommt vielfach der Abstraktion nahe und verschafft den Kleinformaten Werner Hartmanns ihre Stellung im geschichtlichen Ablauf der schweizerischen Malerei zur Moderne.

 

Text von Prof. Max Huggler

Hartmanns Werk weist mit Selbstportraits, Landschaften, Stadtansichten, Akten, Interieurs und Stillleben eine grosse Vielfalt auf, wobei alle Genres eine ähnliche Entwicklung durchlaufen. Die vormals straff organisierten Gemälde in verhaltenen und oftmals blaugetönten Farben werden mit jedem Jahr im Aufbau sowie der Strichführung freier. Mit jedem Jahr gewinnen auch die Farben an südländischer Buntheit und Expressivität in der Zusammenstellung.

Die Malerei des Künstlers findet «vom Dunkel zum Licht, vom Ton zum Kolorit» (Max Huggler). Hartmanns «unbeschwerte Malerei», wie Peter Althaus sie beschrieb, entwickelte der Künstler unbeeindruckt von den Avantgardebewegungen. Hartmanns Oeuvre, das «keine Dissonanzen, keinen Aufschrei, keine Anklage» kennt, blieb der Figuration stets verpflichtet und verdient vielleicht nur schon deshalb seinen eigenen Platz in der Geschichte der (Schweizer) Kunst.

Werner Hartmann gebührt ein ganz besonderer Platz in der Geschichte der Schweizer Malerei. Als lnnerschweizer, der einerseits in Paris arbeitete und sich dort mit Erfolg am künstlerischen Leben beteiligte und andererseits sich immer wieder im heimatlichen Emmen aufhielt und hier grössere Aufträge verwirklichen konnte. gehört Werner Hartmann zu den wenigen Schweizer Malern, denen es gelang, französische Malkultur in die Schweiz zu vermitteln.

Das Werk Werner Hartmanns erscheint sehr vielfältig und lebendig. Seine Themen sind vor allem Landschaften und Stillleben, dann aber auch Porträts und lnterieurszenen. In seinen Landschaften erscheinen die «Schauplätze» seines Lebens: Paris, Schweiz, Südfrankreich, Marokko, Holland, Spanien, Italien – direkt umgesetzt in spontane Bilder mit Darstellung des Wesentlichen: Farben und Stimmungen. Seine Stillleben eröffneten ihm ein weites Experimentierfeld: die Anordnung der Gegenstände sowie die Farbgebung mit recht gewagten Farbtönen zeugen von der ständigen Suche nach neuen Lösungen für die malerischen Probleme sowie von seiner unablässigen Freude an der Malerei. In seinen recht häufigen lnterieurszenen geben ihm einfache Motive, die oft geheimnisvoll wirken können, Anlass zu farblich intensiven Werken, die meist sichtbar die Spuren der Malweise, des Farbauftrags mit Pinsel oder Spachtel, aufweisen.

Die malerische Entwicklung folgt den Umständen seiner Biografie und seiner Einflüsse: Die verhaltenen, pastosen Farben der frühen Bilder hellen sich mit der Zeit auf, der Pinselstrich wird lockerer; freier; ohne dass jedoch der straffe Bildaufbau, an dem ihm viel liegt, aufgegeben wird. Faszinierend sind seine Bilder, in denen südliches Licht und malerischer Schwung sich vereinen und kräftige Kompositionen von oft gewagten Farbzusammenstellungen entstehen.

 

Text von Ilona Genoni Dall
2014

Text von Steffan Biffiger